Warum werden Wohnungen in Bergdörfern für Einheimische so knapp?
Die Frage, die am häufigsten kommt
Wenn Leserinnen und Leser mir schreiben, kehrt eine Frage immer wieder: Warum finden Menschen, die in einem Bergdorf arbeiten und dort aufgewachsen sind, kaum noch eine bezahlbare Wohnung? Die Frage klingt einfach, die Antwort hat mehrere Ebenen. Es gibt nicht den einen Schuldigen und keinen einzelnen Hebel, an dem sich alles erklären liesse.
In diesen Herbstwochen, wenn die Sommergäste weg sind und die Wintersaison noch nicht begonnen hat, fällt das Problem besonders auf. Viele Fenster in den Dorfstrassen bleiben dunkel, während Angestellte aus Hotels, Bergbahnen und Läden eine Bleibe für die kommenden Monate suchen. Genau in dieser ruhigen Zeit lässt sich gut beobachten, wie der Wohnungsmarkt tatsächlich funktioniert.
Ich versuche hier, die Frage in ihre Teile zu zerlegen und sachlich zu beantworten, ohne Schuld zuzuweisen und ohne Zahlen zu erfinden, die ich nicht belegen kann.
Zweitwohnungen und leere Betten
Ein grosser Teil des Wohnraums in vielen Tourismusorten wird nur wenige Wochen im Jahr genutzt. Zweitwohnungen gehören Personen, die nicht im Dorf leben, und sie stehen oft monatelang leer. Gleichzeitig sind sie für Eigentümer eine Anlage, deren Wert mit der Nachfrage steigt. Das treibt die Preise für alle Objekte im Ort nach oben, auch für jene, die gar nicht zur Vermietung an Gäste gedacht waren.
Rechtliche Beschränkungen für den Bau neuer Zweitwohnungen bremsen die Entwicklung, lösen sie aber nicht. Bestehende Bauten lassen sich oft umnutzen, und die Nachfrage nach Ferienobjekten bleibt hoch. Für Einheimische bedeutet das: Das Angebot an Mietwohnungen wächst nicht im gleichen Mass wie die Zahl der Betten für Gäste.
Gemeinden haben dabei durchaus Spielraum, etwa bei der Raumplanung oder bei Auflagen für neue Überbauungen. Wie sie ihn nutzen, ist von Ort zu Ort verschieden und selten Gegenstand grosser Debatten.
- Zweitwohnungen stehen häufig den grössten Teil des Jahres leer
- Neue Ferienobjekte ersetzen selten Wohnraum für Ortsansässige
- Raumplanung der Gemeinde beeinflusst, was gebaut wird
Kurzzeitvermietung und der Druck auf Mieten
Eine zweite Ebene ist die Vermietung an Feriengäste über Online-Plattformen. Wer eine Wohnung für eine Woche an Touristen vergibt, kann in dieser Zeit oft mehr einnehmen als mit einem Monatsmietzins für Einheimische. Für Eigentümer ist das verlockend, und manche kündigen langjährige Mietverhältnisse, um umzustellen oder zu verkaufen.
Das Ergebnis lässt sich in vielen Orten beobachten: Dauermietwohnungen werden seltener, die verbleibenden teurer. Saisonale Angestellte weichen in Nachbargemeinden aus oder wohnen in Unterkünften, die für längere Aufenthalte kaum geeignet sind. Pendelwege werden länger, und das belastet wiederum Verkehr und Haushaltsbudget.
Verlässliche Zahlen dazu sind schwer zu finden, weil nicht jede Gemeinde erfasst, wie viele Wohnungen kurzzeitig vermietet werden. Das ist ein Grund, warum die Debatte oft auf Eindrücken beruht statt auf Daten.
Preise im Dorf: mehr als die Miete
Der Tourismus wirkt nicht nur auf Wohnungen. Läden, Gaststätten und Dienstleistungen richten sich in vielen Orten nach der kaufkräftigen Kundschaft aus. Der Lebensmittelladen führt Spezialitäten statt Alltagsprodukte, das Café öffnet nur noch in der Saison, die Handwerkerin hat Termine bis weit in den Winter hinein.
Wer im Ort wohnt, spürt das im Alltag. Dinge, die in einer Stadt selbstverständlich sind, werden zur Frage von Fahrzeit oder Wartezeit. Preise bilden sich zwar am Markt, doch der Markt in einem Bergdorf ist klein, und wenige Anbieter können viel bestimmen.
Es wäre falsch, daraus einen Vorwurf an die Gäste oder an die Branche zu machen. Der Tourismus sichert Arbeitsplätze und Einkommen in Regionen, die wenig andere Wirtschaft haben. Die Frage ist vielmehr, wie sich beides vereinbaren lässt: ein funktionierendes Gastgewerbe und ein Dorf, in dem man auch wohnen kann.
Was Betroffene berichten
In Gesprächen höre ich immer wieder ähnliche Schilderungen. Jemand arbeitet seit Jahren in einem Betrieb im Ort und findet keine Wohnung, weil Vermieter lieber an Feriengäste oder an Zuzüger verkaufen. Eine Familie muss die Gemeinde verlassen, obwohl die Kinder dort zur Schule gehen. Junge Leute ziehen weg, weil sie sich ein eigenes Zuhause nicht leisten können.
Solche Berichte sind keine Statistik, aber sie zeigen, wo hingeschaut werden sollte. Sie ersetzen auch keine Untersuchung der Zahlen, sondern ergänzen sie. Wer betroffen ist, sieht oft früher als die Verwaltung, wohin sich ein Ort entwickelt.
Wenn Sie selbst eine solche Erfahrung gemacht haben, können Sie sich über die Kontaktseite bei der Redaktion melden. Ich lese jede Nachricht und gehe mit den Angaben vertraulich um.
Was Gemeinden und Mieter tun können
Gemeinden haben einige Instrumente in der Hand: Wohnanteilspflichten bei Neubauten, Vorgaben für Erstwohnungen, die Abgabe von Bauland im Baurecht oder eigene Wohnungen für Ortsansässige. Wie wirksam sie sind, hängt davon ab, ob sie früh genug angewendet werden. Einmal verkauftes Bauland lässt sich nicht zurückholen.
Mieterinnen und Mieter können ihre Rechte kennen und bei einer Kündigung die Fristen und die Begründung prüfen. Ein Mieterverband oder eine kantonale Schlichtungsstelle gibt Auskunft über das Vorgehen im Einzelfall. Verlassen Sie sich nicht allein auf mündliche Zusagen, sondern halten Sie Vereinbarungen schriftlich fest.
Die grosse Frage nach dem Gleichgewicht zwischen Gästen und Einheimischen bleibt politisch. Sie wird dort entschieden, wo Gemeindeversammlungen und Abstimmungen stattfinden.
- Wohnanteil und Erstwohnungspflicht bei Neubauten prüfen
- Kündigungen schriftlich und mit Fristen kontrollieren
- Schlichtungsstelle oder Mieterverband früh einbeziehen
Die häufigste Frage hat keine einfache Antwort, aber eine klare Richtung: Wohnraum in Tourismusorten wird knapp, weil mehrere Entwicklungen zusammenkommen, nämlich Zweitwohnungen, Kurzzeitvermietung und eine auf Gäste ausgerichtete Preisbildung. Wer das versteht, kann gezielter nachfragen, ob in der eigenen Gemeinde gesteuert wird oder ob man den Dingen ihren Lauf lässt.
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