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Das Zimmer über der Bergbahn: Wie Rahel nach dem Saisonstart ihre Wohnung verlor
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Das Zimmer über der Bergbahn: Wie Rahel nach dem Saisonstart ihre Wohnung verlor

Rahel arbeitet in einem Bergdorf und fand dort keine bezahlbare Wohnung mehr. Ihr Fall zeigt, wie Ferienvermietung und Saisonbetrieb den Wohnraum für Einheimische verknappen.

Andrea Caviezel 5 Min. Lesezeit

Ein Anruf Ende Sommer

Rahel hat mich in diesen Wochen angerufen, weil sie nicht wusste, an wen sie sich sonst wenden sollte. Sie ist Mitte dreissig, arbeitet seit mehreren Jahren im Service eines Hotels in einem Bündner Bergdorf und hatte im Spätsommer die Kündigung ihrer Zweizimmerwohnung erhalten. Der Vermieter, eine kleine Erbengemeinschaft, wollte die Wohnung künftig als Ferienwohnung anbieten. Rahel erzählte das ohne Groll, eher müde. Sie hatte schon oft von Kolleginnen gehört, dass es so kommt, und glaubte nicht, dass es ihr selbst passieren würde.

Ich habe ihr vorgeschlagen, den Fall in Ruhe aufzuschreiben und mit ihrer Erlaubnis darüber zu berichten. Sie hat zugestimmt, unter der Bedingung, dass nur ihr Vorname erscheint und das Dorf nicht genannt wird. Das habe ich so gehalten. Alles, was ich hier wiedergebe, stammt aus unseren Gesprächen und aus den Unterlagen, die sie mir gezeigt hat: dem Kündigungsschreiben, dem bisherigen Mietvertrag und einigen Inseraten, die sie in den Wochen danach gesammelt hat.

Was die Kündigung bedeutete

Die Suche im Tal

Rahel hat in den folgenden Wochen jeden Abend Inserate durchgesehen. Sie zeigte mir eine Liste mit knapp zwanzig Einträgen, bei denen sie sich gemeldet hatte. Auf die meisten kam keine Antwort. Bei drei Besichtigungen standen schon andere Interessierte vor der Tür, in einem Fall eine Familie, die ohnehin ein Zweitdomizil suchte und den verlangten Preis ohne Zögern akzeptierte. Solche Konkurrenz ist für Einheimische mit durchschnittlichem Einkommen kaum zu schlagen.

Besonders belastend fand sie, dass ihr Arbeitgeber auf Mitarbeitende angewiesen ist, die vor Ort wohnen. Der Betrieb bietet einzelne Personalzimmer an, doch sie sind knapp und für Alleinstehende gedacht, die sich ein Bad teilen. Rahel wollte nicht mit Mitte dreissig in ein Zimmer zurück, das sie aus ihren ersten Berufsjahren kannte. Sie rechnete deshalb auch aus, was ein täglicher Arbeitsweg aus dem Nachbartal kosten würde, und kam auf Fahrzeiten, die im Winter bei Schneefall kaum verlässlich wären.

Was Gemeinden tun können

Ich habe bei Fachleuten nachgefragt, die sich mit der Raumplanung in Tourismusregionen befassen. Sie bestätigen, dass der Druck auf den Wohnungsmarkt dort nicht zufällig entsteht. Wo Zweitwohnungen und Ferienvermietung lukrativ sind, wird es für Erstwohnungen eng. Einzelne Gemeinden versuchen gegenzusteuern, etwa mit Vorgaben für neue Bauten oder mit Wohnungen, die ausdrücklich Einheimischen vorbehalten bleiben. Wie gut das wirkt, hängt stark von der Umsetzung und von der Kontrolle ab.

Rahels Dorf hat bisher keine solche Regel, die ihr hätte helfen können. Sie hat sich zwar bei der Gemeinde gemeldet und wurde freundlich empfangen, bekam aber keine Wohnung vermittelt. Man nahm ihre Anfrage auf und verwies auf die Warteliste einer kleinen Genossenschaft im Tal. Auch dort ist die Nachfrage grösser als das Angebot, und freie Wohnungen werden selten und meist nur kurzfristig ausgeschrieben.

Wie es für Rahel weiterging

Was ihr Fall zeigt

Rahels Geschichte ist keine Ausnahme, und ich erzähle sie nicht, weil sie besonders dramatisch wäre. Gerade ihre Alltäglichkeit macht sie aufschlussreich: Eine Frau mit festem Job, ohne Schulden, mit gutem Ruf bei ihrem Arbeitgeber findet in der Region, in der sie arbeitet, keine Wohnung mehr. Das sollte uns zu denken geben, auch wenn der Tourismus für viele Gemeinden eine wichtige Einnahmequelle bleibt.

Die Frage, die ich daraus mitnehme, lautet nicht, ob Tourismus gut oder schlecht ist. Sie lautet, wer die Kosten trägt, wenn Wohnraum immer häufiger für Gäste statt für Einheimische genutzt wird. Rahel trägt sie heute in Form von Fahrzeit, Benzin und verlorener Nähe. Solange diese Last bei einzelnen Beschäftigten liegt und nirgends sichtbar wird, bleibt das Problem für Aussenstehende leicht zu übersehen.

Rahels Fall führt vor Augen, wie sich der Tourismus in den Alltag der Menschen schiebt, die ihn am Laufen halten. Eine Wohnung, die als Ferienunterkunft mehr abwirft, fehlt dem Dorf als Zuhause. Wer in einer Bergregion arbeitet, sollte dort auch wohnen können. Ob das gelingt, entscheidet sich nicht in einem einzelnen Fall, sondern in den Regeln und Entscheiden, die eine Gemeinde für ihren Wohnraum trifft.

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